
„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn…“ dorthin wollte der Riva-Verein unbedingt noch einmal ziehn. Möglich gemacht wurde diese Reise in den Süden Italiens, trotz großer organisatorischer Hürden im Vorfeld, durch das unermüdliche Engagement von Pina Kittel, die mit der Region seit Jugendtagen bestens vertraut ist.
Schon die Römer nannten das Reiseziel des Freundeskreises Riva Felix Campania – Glückliches Land. Lichtdurchflutet, sonnenverwöhnt und fruchtbar zieht es seit der Antike Eroberer unterschiedlicher Couleur in seinen Bann. Sie alle haben die Region Kampanien geprägt und zu ihrem kulturellen Reichtum beigetragen.
Seit der Kolonisierung durch die Griechen blickt Kampanien auf eine wechselvolle Geschichte unterschiedlicher Fremdherrschaft zurück. Nach den Griechen nahmen die Römer die wohlhabende Gegend in Besitz, bauten die Städte weiter aus, gefolgt von Langobarden, Normannen und den Herrscherhäusern der Staufer, Franzosen und Spanier bis sich schließlich im 19. Jahrhundert auch der Süden des Landes erst dem Königreich und schließlich der Republik Italien anschloss. Alle diese Einflüsse haben der Region ihren Stempel aufgedrückt und ihre Spuren hinterlassen.
Heute sind es die Touristenströme, die in die Geschichte von Jahrhunderten eintauchen und deren Hinterlassenschaften bewundern wollen. Erste Station der Reise war das Schloss Caserta aus der Zeit der spanischen Bourbonenherrschaft und eins der zahlreichen UNESCO-Weltkulturerbe dieser Region. Mit über 1200 Zimmern, einem englischen Landschaftsgarten und einem Barockgarten mit 3 km langer Wasserachse mit Springbrunnen und Skulpturengruppen zählt es zu den größten Barockanlagen Europas und wird gerne als „italienisches Versailles“ bezeichnet.
Von dort ging es weiter nach Neapel, die pulsierende Hauptstadt Kampaniens, und das chaotisch lebendige, mythisch faszinierende, kulturelle Zentrum der Region. Pina Kittel, die viele Jahre hier gelebt hat, vermittelte der Gruppe einen lebendigen Einblick in Mythos und Geschichte der Stadt. Vor der Gründung durch die Griechen als neue Stadt „Neapolis“ gab es eine erste mit der antiken Mythologie verbundene Siedlung Parthenope. Die gleichnamige Sirene und mythische Stadtgöttin soll sich vor Scham und Verzweiflung ins Meer gestürzt haben, weil es ihr misslang, Odysseus mit ihrem Gesang zu locken. Der Sage nach wurde sie dort an Land gespült, wo heute das Castel dell‘ Ovo, die „Eierfestung“ steht, die älteste Befestigung Neapels aus dem 12. Jahrhundert. Sie entstand in mehreren Jahrhunderten auf den Fundamenten älterer Bauten wie der Villa des Lucullus, die schon im 5. Jahrhundert zu einer Festung ausgebaut war, in die der letzte römische Kaiser Romulus Augustulus verbannt wurde. Nach der Legende, garantiert das ins Fundament gelegte Ei das Bestehen der Stadt, solange es heil bleibt.
Von Heribert Kittel erfuhr die Gruppe etwas über die geologischen Besonderheiten der Region. Das Leben in Neapel und Umgebung gleicht dem sprichwörtlichen „Tanz auf dem Vulkan“. Zuerst ist da natürlich der das Landschaftsbild beherrschende Vesuv, ein gefährlicher schlafender Riese, aber gleichzeitig auch der bestüberwachte Vulkan der Welt. Darüber hinaus liegt die ganze Region auf einem ca. 200 km2 großen Vulkanfeld, den sogenannten Phlegräischen (d.h. brennenden) Feldern und tektonisch zwischen der Eurasischen und der Afrikanischen Erdplatte.
Nach dem Küstenspaziergang mit wunderbarem Blick über den Golf von Neapel ging es am Nachmittag hoch zum Palazzo Reale an der Piazza del Plebiscito, die ihren Namen der Volksabstimmung von 1860 verdankt, als die Bürger hier für einen Anschluss an das neu entstehende Königreich und somit für die Einheit Italiens stimmten. Mit einer geführten Tour erkundete die Gruppe das zum Museum umfunktionierte ehemalige königliche Schloss mit imposanter Freitreppe, Thronsaal und königlichen Gemächern. Die Fassade des Schlosses schmücken Statuen der bedeutendsten Monarchen des ehemaligen Königreichs Neapel. Der Tag klang aus mit dem obligatorischen Nationalgericht Neapels, der Pizza Napoletana, die hier erfunden und 2017 zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe ernannt wurde.
Die folgenden Tage waren dem Besuch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gewidmet. Dazu gehörte die Kirche Santa Chiara, Grablege für die Könige aus dem Haus Anjou und Bourbon-Sizilien. Über dem Hauptaltar befindet sich das ursprünglich vierstöckige, 1943 schwer beschädigte Grabmal aus dem 14. Jahrhundert des Robert von Anjou, auch „der Weise“ genannt. Besonders sehenswert ist der Majolika-Kreuzgang mit seinen farbenfroh geschmückten Säulen und Sitzbänken. Gegensätzlicher Art waren die prachtvolle Barockkirche Gesù Nuovo der Jesuiten und die gotische Klosterkirche San Lorenzo Maggiore der Franziskaner mit dem Baldachingrabmal der Katharina von Österreich im Hochchor, die 1323 in Neapel verstarb.
Ein Kleinod besonderer Art ist die barocke Cappella Sansevero aus dem 18. Jahrhundert, die Privatkapelle des adeligen Erfinders und Alchemisten di Sangro mit herausragenden Marmorskulpturen und Freskenmalereien. In der Mitte des Raumes steht die außergewöhnliche Skulptur des Cristo velato von Giuseppe Sanmartino. Die aus einem einzigen Marmorblock gefertigte Skulptur verblüfft durch die Feinheit des gemeißelten Schleiers, der Kopf und Körper Christi bedeckt und gleichzeitig die Konturen des Körpers sichtbar macht.
Neapel ist eine auf zwei Ebenen existierende Stadt, die sich gegenseitig bedingen und deren Ursprung in ihrer historischen Entstehung liegt. Das Straßensystem spiegelt noch heute das Rastermuster der antiken Stadt wider, am deutlichsten erkennbar an der Spaccanapoli, eine der antiken Hauptachsen, die das historische Zentrum in Ost und West trennt. Unter der Stadt erstreckt sich ein riesiges Jahrtausende altes Labyrinth aus Tunneln, Höhlen und Zisternen, das heute teilweise für Besucher zugänglich ist. Entstanden ist es durch den unterirdischen Abbau des Tuffsteins für den oberirdischen Aufbau der Stadt. Der Baustoff für die Häuser und Paläste der Stadt lag gewissermaßen unter den Füßen ihrer Bewohner. Für die Gruppe war der Besuch von Napoli Sotterranea ein spannendes Erlebnis, dass an einigen Stellen ohne die eigene Handy-Taschenlampe kaum zu bewältigen war.
Umso mehr genoss man am nächsten Tag die noble Seite Neapels mit dem Besuch der eleganten Einkaufspassage Galleria Umberto I. und einer Führung im gegenüberliegenden prachtvollen Theater San Carlo, seit 1737 das älteste durchgehend bespielte Opernhaus der Welt.
Das Archäologische Nationalmuseum beherbergt eine der größten Antikensammlungen der Welt. Die Führung durch die Ausgrabungsfunde von Pompeji und Herculaneum war die perfekte Vorbereitung für den folgenden Besuch dieser antiken Städte, die durch den verheerenden Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. für die Nachwelt konserviert wurden.
Der Aufstieg zum Kraterrand des schlafenden Riesen nötigte der Gruppe viel Respekt und einige Anstrengung ab, die durch die fantastische Sicht über die gesamte Bucht und den Blick in den Krater belohnt wurde. Auch die geologische Entstehung des Vesuvs als ein „Vulkan im Vulkan“, der sich aus der Senke des weitaus älteren Vulkans Monte Somma erhebt, wurde nachvollziehbar. Der fruchtbare, mineralstoffreiche Boden lässt nicht nur Zitronen außergewöhnlicher Qualität, sondern auch die Rebstöcke für den Wein Lacryma (Träne) Christi gedeihen, der nur am Fuße des Vesuvs produziert wird und dort bei einer Verkostung genossen wurde.
Die Hafenstadt Castellammare di Stabia war Ausgangspunkt für die Fahrt ins vielbesungene Sorrent, Stadt der Keramik und des Limoncello; außerdem Geburtsstadt des Dichters Torquato Tasso, dem Goethe mit seinem gleichnamigen Schauspiel ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Entlang der spektakulären Küstenstraße Amalfitana führte der Weg am folgenden Tag über Amalfi, der ehemaligen stolzen See- und Handelsmacht und ersten Seerepublik des Mittelalters, ins hoch über der Küste gelegene, malerische Bergdorf Ravello. Über die Terrassengärten der Villa Rufulo, die einst Richard Wagner zu Klingsors Zaubergarten im 2. Akt seiner Oper Parsival inspirierten, hat man einen grandiosen Blick aufs Meer, ebenso wie von der mit weißen Marmorbüsten geschmückten „Terrasse der Unendlichkeit“ in der Villa del Cimbrone.
Endstation der Reise war Capri, seit der Zeit der Romantik und der Wiederentdeckung der blauen Grotte durch den deutschen Maler und Dichter August Kopisch im Jahre 1826 der Sehnsuchtsort der Deutschen schlechthin. Schon der römische Kaiser Augustus ließ hier Villen und Gärten anlegen, während sein Nachfolger Tiberius seinen Regierungssitz dauerhaft nach Capri verlegte. Heute bringt die Funicolare (Standseilbahn) Besucher vom Hafen Marina Grande bequem zur Piazetta im Zentrum der Stadt. Von dort ist es nicht weit zu den Gärten des Augustus, angelegt Anfang des 20. Jahrhunderts vom Essener Stahlmagnaten Friedrich Alfred Krupp, der zeitweilig auf der Insel weilte und auch den Bau der heutigen Via Krupp iniziierte, dem steilen Serpentinenweg von den Augustus-Gärten zum kleinen Hafen Marina Piccola. Der anspruchsvolle Spazierweg zum Arco Naturale, über steile Steinstufen hinab zum Nymphäum Grotta di Matermania und weiter den Klippenpfad entlang, bot phantastische Ausblicke auf die Steilküste und die vorgelagerten Felsen.
Der letzte Tag galt dem Besuch der Villa San Michele des schwedischen Arztes und Schriftstellers Axel Munthe im höher gelegenen Anacapri. Sein museales Anwesen mit prächtigem Garten, Pergolen, antiken Kunstwerken und Panoramablick gehört heute dem schwedischen Staat .
Mit einer nachmittäglichen Bootsfahrt um die Steilküste der Insel, bei lebhaftem Wellengang und durchwachsenem Wetter, endete eine spannende, anstrengende und wunderbare Reise!
Text: Doris Tiemann