Vortrag zu G. P. Bellori
Elisabeth Oy-Marra, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Mainz, referiert zu Giovan Pietro Bellori. Foto: Christoph Kutzner

Elisabeth Oy-Marra, emeritierte Professorin für Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Mainz, nahm im Pfarrzentrum St. Georg  das staunende Publikum in Wort und Bild mit auf eine Reise durch das barocke Rom: an der Hand von Giovan Pietro  Bellori (1613-1696), der zwar selbst Maler und Kunstsammler war, sich bleibenden Nachruhm aber mit seinen „Lebensbeschreibungen der modernen Maler, Bildhauer und Architekten“ erwarb, einer der bedeutendsten Quellenschriften für die bildende Kunst der Vormoderne. Bellori schloss sich mit dem Zuschnitt seines Werkes an ein berühmtes Vorbild dieser Gattung an, das Werk des Malers und Architekten Giorgio Vasari (1511-1576), der mit  seiner Sammlung  Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori (1550/1568) nicht nur einen Überblick über das herausragende Kunstschaffen bis zur Hochrenaissance vorgelegt hatte, sondern damit gleichsam zu einem  Gründervater der Kunstgeschichte überhaupt geworden war.

Belloris überzeitliches Wirken hingegen verdankt sich den Viten, die er zu den in seiner Zeit „modernen“ Künstlern vorlegte, und im Unterschied zu seinem Vorgänger Vasari bezog er dabei auch Maler ein, die nicht aus Italien  stammten wie, vorzugsweise, Peter Paul Rubens (1577-1640) und Nicolas Poussin (1594-1665). Neben diesen  beiden Künstlern widmete sich Bellori hauptsächlich dem von ihm persönlich zutiefst bewunderten Annibale Caracci  (1560-1609), den er seinem Publikum als maßgebende Kunstgröße näherbrachte, aber auch dessen Zeitgenossen,  dem heute weltweit mehr denn je geschätzten Michelangelo Merisi (1571-1610), besser bekannt unter dem seinem lombardischen Heimatort entlehnten Namen Caravaggio.

Schon diese bewusste Auswahl, so Frau Oy-Marra, deutet an, dass es Bellori bei der Zusammenstellung seiner Künstlerviten nicht mehr, wie einst Vasari, darum ging, einen Querschnitt durch das Kunstschaffen der Zeit anzubieten, sondern nur diejenigen Meister zu präsentieren, die Bellori subjektiv für die unstreitig Besten ihres Faches hielt, und zwar unabhängig von ihrem Erfolg. In diesem Sinne plante er über den ersten, 1672 publizierten Band hinaus noch einen zweiten, der jedoch zu seinen Lebzeiten nicht mehr erschien. Frau Oy-Marra hat sich im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojektes zusammen mit ihren Mitstreitern daran gemacht, sämtliche von Bellori verfassten Künstlerviten zu erschließen und seit einigen Jahren auch in einer zweisprachigen Gesamtausgabe (italienisch-deutsch) zugänglich zu machen, aus der schon mehrere Bücher hervorgegangen sind, die aber noch nicht ganz abgeschlossen ist.

Doch gab Frau Oy-Marra uns aus diesem reichen Erfahrungsschatz, der auch die Nachzeichnung der Lebensspuren und Wirkungsfelder von Bellori selbst einschloss, viele farbige Einblicke in die Biographien und Werke der betroffenen Künstler. Mit kundigen Erläuterungen, aber auch immer mit direktem Bezug auf die Darstellungen Belloris, aus denen sie stets die passenden Passagen vorlas, brachte Elisabeth Oy-Marra uns die Kunstwerke in ihren Entstehungszusammenhängen wie auch über ihre räumliche Einbettung nahe, in Kirchen und Palazzi des barocken Rom. Dessen Kunstschätze nicht nur der eigenen Zeit kannte Bellori wie kaum ein anderer, hatte ihn doch Papst  Clemens X. 1670 zum „Commissario delle Antichità“ ernannt. Als Chef der Antikenbehörde im Kirchenstaat wie auch als Sekretär der Malerakademie (Accademia di San Luca) war Bellori ebenso einflußreich wie denkbar gut vernetzt. So kannte er auch die vielen seinerzeit in Rom weilenden Ausländer, Künstler wie Sammler, was nebenbei erklärt, weshalb er sich in seinen „Lebensbeschreibungen“ nicht nur auf italienische Maler, Bildhauer und Architekten konzentrierte. Zuletzt ließ ihn seine Dienstverpflichtung durch die in Rom lebende, zum Katholizismus konvertierte Königin Christina von Schweden (1677) den Höhepunkt einer Ämterkarriere erklimmen.

Vortrag zu G. P. Bellori
Volle Konzentration im Saal: Das Publikum hört gespannt den Ausführungen zu Bellori zu. Foto: Christoph Kutzner

Doch erklären diese verantwortungsvollen, zeitraubenden Ämter wohl auch, weshalb es ihm zu Lebzeiten nicht mehr gelang, auch noch den zweiten Band seiner Künstlerviten zu veröffentlichen. Dank der Forschungsarbeit von Frau Oy-Marra und ihrer höchst anschaulichen Vergegenwärtigung durfte aber unser Bensheimer Auditorium an diesen Texten teilhaben. Sie dokumentieren eine faszinierende Fähigkeit äußerst genauer, anspruchsvoller Bildbeschreibung, die ja zu ihrer Zeit dem Lesepublikum den unmittelbaren Eindruck der Bilder, die es nicht kannte bzw. nicht leicht selbst in Augenschein nehmen konnte, ersetzen musste. So kann man mit Bellori noch immer lernen, allein durch Texte Bilder zu erfassen – im digitalen Zeitalter allgegenwärtiger Bildüberflutung eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit.

Nicht zuletzt verstand es Frau Oy-Marra, auch über die Schilderungen von Künstlerrivalitäten und die Repräsentationssucht wohlhabender Kunstmäzene Einblicke in historische Bewusstseinslagen zu vermitteln, die uns heute fremd geworden, aber zum Verständnis der Kunstwerke jener Zeit unerlässlich sind.

Diese faszinierenden Einblicke, der ästhetische Genuss wie auch die mitgereichten Milieuschilderungen ließen alle Anwesenden an einem hinreißenden Vortrag teilhaben, der anschließend – auch noch im persönlichen Gespräch – zu vielerlei Nachfragen an die Referentin Anlass gab, die sich über einen starken Applaus freuen durfte.

Autor: Prof. Dr. Volkhard Huth