Unbekannte Töne waren am Donnerstagabend im Gertrud-Eysoldt Foyer des Parktheaters in Bensheim zu hören. Aus dem Lautsprecher erklang der Ton einer Launeddas, einer sardinischen Flöte, die schon seit über 2000 Jahren von den Hirten in Sardinien auch heute noch gespielt wird. Der deutsch-italienische Freundeskreis Bensheim – Riva del Garda hatte zu einer Lesung des Romans „Padre Patrone – Mein Vater, mein Herr“ von Gavino Ledda eingeladen. Als Vortragenden konnte der Verein Hermann Beil gewinnen, der durch Berthold Mäurer herzlich begrüßt wurde.

Beil ist als Theatermann in Bensheim bestens bekannt: In seiner Zeit als Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat er von 2009 bis 2016 maßgeblich an der Gestaltung des Eysoldt-Preises und dessen Vergabe mitgewirkt. Hermann Beil hat in seiner beruflichen Laufbahn am Theater wichtige Positionen innegehabt: So war er in Frankfurt und Basel als Dramaturg tätig und arbeitete mit Claus Peymann in Stuttgart, Bochum und am Burgtheater inWien zusammen. Heute lebt Hermann Beil in Berlin und pendelt zwischen den Theatern in Berlin und Wien als Vortragender und Schauspieler.

Am Donnerstag war er nun wieder für eine Lesung in Bensheim und stellte den Roman von Gavino Ledda dem zahlreich erschienenen Publikum vor: Nur für wenige Wochen erlebt der kleine, kaum sechs-jährige Gavino 1944 im sardischen Bergdorf Siligo das Privileg der Schulbildung – dann wird er von seinem Vater gewaltsam aus der Zivilisation herausgerissen und in die Einsamkeit der rauen, archaischen Bergwelt Sardiniens geholt. Mit strenger Hand weist der Patriarch seinen erstgeborenen Sohn in das harte, von Verzicht geprägte, Hirtenleben ein.

In „Padre Padrone“ erzählt Gavino Ledda die erschütternde Geschichte seiner von Gewalt, Zwang und einer komplizierten Hassliebe zwischen Vater und Sohn geprägten Kindheit und Jugend, die bis in die Erwachsenen-Zeit hineinreicht. Faszinierend ist der Kampf des jungen Mannes um seine eigenes Leben und Wertigkeit und der Wunsch nach Bildung und Wissen. Ledda, 1938 in Siligo (Sardinien) geboren, schafft es mit eisernem Willen, sich aus der Drangsal der Kindheit und Jugend zu lösen, 1969 in Rom zu promovieren und bis 1978 als Professor für Linguistik an der Universität in Cagliari zu arbeiten.

Hermann Beil verstand es in seiner Lesung, die komplexen Zusammenhänge und Entwicklungen, die in dem Buch immerhin auf fast 300 Seiten niedergeschrieben sind, stringent, sehr gefühlvoll und mit einer vorzüglichen Sprachlichkeit dem hochinteressierten Publikum zu vermitteln. Er gibt jeder Person eine Stimme, was die Dramatik des Vortrags vehement verstärkt. Hier kommt der Schauspieler Hermann Beil zu Geltung. Nach circa 90 Minuten ist man verwirrt und aus dem Bann, dem man verfallen ist, gerissen, wenn der Vortragende sich dankend verbeugt. Ein großer Applaus beendet die achtsame Stille. Ein großartiger Vortrag von einem, der es wirklich kann.

Text: Berthold Mäurer